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Präsentation und Rezeption: Inszeniertes Heiltum im späten Mittelalter. Zur Interaktion von Bildern und Reliquien 1250 – 1420

Henze, Ulrich

[img] PDF, German
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Abstract

Die vorliegende Arbeit thematisiert Bereiche der mittelalterlichen Kunstgeschichte, die in den vergangenen Jahren ganz besonders im Fokus der Forschung standen: Zum einen geht es um die Funktion und die Kontextualisierung von „Bildern“, womit auch der Bildbegriff im Mittelalter berührt ist, zum anderen um „Reliquien“ als verehrte Überreste von Heiligen oder Dingen, die mit ihnen im weitesten Sinn in Kontakt gekommen sind, als sakralisierte Objekte einer liturgischen, paraliturgischen oder auch persönlichen Erinnerungskultur.

In der Untersuchung steht die bisher im größeren Zusammenhang kaum diskutierte Frage im Zentrum, inwieweit im Spätmittelalter, genauer gesagt seit der Zeit des mittleren bis ausgehenden 13. Jhs., eine neue Justierung des komplexen Verhältnisses zwischen Bild und Reliquie zu beobachten ist, die Auswirkungen auf beide „Werkgruppen“ hat: einerseits auf das sich transformierende Verständnis der verehrten Heiltümer in Frömmigkeit und Liturgie, andererseits auf die Bedeutung, die den figürlichen Bildern in diesem Prozess zukommt.

Der Zeitraum, um den es geht (1250 bis 1420), ist nicht zufällig gewählt. Um 1250 lässt sich auf verschiedenen Ebenen eine neue Verbindung des „Irdischen“ mit dem „Ideellen“ feststellen, was einem gewissen Paradigmenwechsel gleichkommt, der auch die bildliche Ausgestaltung von Reliquienbehältern betrifft. Als chronologischer Endpunkt sind die Jahre um 1400 mit ihrem experimentellen Charakter gewählt, der entscheidende Auswirkungen auf die Beziehung zwischen Bild und Heiltum in einer Zeit differenzierter Wirklichkeitserfahrung hatte. Die Beschränkung auf den geographischen Raum nördlich der Alpen bzw. West- und Mitteleuropa ist einerseits der der Materialfülle, andererseits einer gewissen Homogenität geschuldet, die den Werken hinsichtlich der hier gestellten Fragen anhaftet.

Die Arbeit ist in fünf Hauptkapitel gegliedert:

Das Reliquiar: Visualisierung und Imagination

Ausgehend von der Frage, was eigentlich unter einem Reliquiar im späten Mittelalter zu verstehen ist, geht es vor allem um das Thema der „Verbildlichung“ der Reliquie bzw. um deren Objektivierung und Instrumentalisierung im ikonischen Kontext. Dabei kommt dem „Betrachter“ eine ganz neue, aktive Rolle zu, die wiederum in den Bildprogramen berücksichtigt wird. Ein weiteres Augenmerk liegt auf dem Thema der Sichtbarkeit der Reliquien (vermehrt seit dem 13. Jahrhundert) und ihrer Bedeutung für deren Rezeption, wobei deutlich wird, dass das immer wieder bemühte angebliche „Schaubedürfnis“ des späten Mittelalters als Erklärung nicht hinreichend ist.

Bildwerke als Reliquiengefäße und Bilder als Reliquien

Dass auch Bildwerke als Reliquienbehälter dien(t)en, ist eine lange bekannte Tatsache. Inwiefern diese Funktion ihre Rezeption sowie ihren Kontext im fraglichen Zeitraum bestimmt hat, ist eine hier zur Diskussion stehende Frage, womit problematische Begriffe wie „Kultbild“ und „Andachtsbild“ berührt werden. Auf die Rolle des Bildes als Heiltum wird anhand des reliquienähnlichen Status´ von Bildern, die direkt mit Christus in Verbindung stehen, eingegangen.

Das Reliquienretabel: Formen der Verehrung und Inszenierung

Als neu aufkommendes, im Laufe des 14. Jahrhundert sich etablierendes Requisit der Altarausstattung kommt dem mit Flügeln verschließ- und wandelbaren Reliquienretabel besondere Bedeutung für unsere Fragestellung zu. Der Vorgang des Verhüllens und Verbergens von Bildern und Reliquien steht hier im Mittelpunkt der Betrachtung, wobei ersichtlich wird, dass den pignora eine ganz eigene, unverzichtbare Rolle im „Verständnis“ der Retabel zukommt und diese als Ergänzung der Bilder – und umgekehrt – zu werten sind.

Räume und Schreine

Das Kapitel weitet den Begriff des Reliquiars bewusst aus und bezieht größere räumliche Kontexte in die Untersuchung ein. Als Ausgangspunkt dient die Sainte-Chapelle in Paris mit ihrer Inszenierung der aus Konstantinopel erworbenen Passionsreliquien. Hier geht es um die Frage, ob und in welcher Form dieses Konzept an anderen Orten mit bedeutendem Reliquienbesitz nachgeahmt oder abgewandelt aufgegriffen wurde und welche Bedeutung dabei dem bildkünstlerischen Programm zukommt.

Bild und Reliquie um 1400: Das Reliquiar als Kunstwerk

Materialästhetische Aspekte stehen hier im Vordergrund und verdeutlichen, wie das Reliquiar selbst – ähnlich der Reliquie - zu einem „exotischen“, erlesenen und intimen joyau wird, dessen Ästehetik und „Kunstfertigkeit“ nunmehr bewusst eingesetzt sind, um dem verehrten Heiltum eine ihm gemäße Bildwelt an die Seite zu stellen. Die Kostbarkeit der verwandten Materialien – etwa das email en ronde bosse in Frankreich oder die mit teuren Werkstoffen und aufwändigen Techniken hergestellten kleinformatigen Tafelbilder der Zeit – korrespondiert mit den verehrten Heiltümern, die sie bergen oder auf die sie verweisen.

Translation of abstract (English)

This work concentrates on areas of medieval art history that have been the focus of research in recent years. On the one hand, it is about the function and the contextualization of "images", which touches on the image concept in the Middle Ages, and on the other hand about "relics" as revered remains of saints or things that have come into contact with them in the broadest sense, as sacred objects of a liturgical, paraliturgical or even personal memory culture.

In the study, the question that has so far hardly been discussed in the broader context is the extent to which in the late Middle Ages, more precisely since the mid to late 13th century, a new adjustment of the complex relationship between image and relic can be observed in both "groups of works": on the one hand in the changing understanding of the revered pignora in piety and liturgy, and on the other in the importance of the figurative images in this process.

The period in question (1250-1420) is not random. Around 1250, at various levels, a new connection between the "earthly" and the "ideal" can be established, which amounts to a certain paradigm shift, that also concerns the pictorial design of relic containers. As a chronological endpoint, the years around 1400 with their experimental character are chosen, which had a decisive effect on the relationship between image and relic in a time of differentiated experience of reality. The restriction to the geographical area north of the Alps or Western and Central Europe is due on the one hand to the abundance of materials, on the other hand to a certain homogeneity, which clings to the works with regard to the questions posed here.

The work is divided into five main chapters:

The reliquary: visualization and imagination

Based on the question of what is actually meant by a reliquary in the late Middle Ages, it is above all about the theme of the "portrayal" of the relic or about its objectification and instrumentalization in an iconic context. At the same time, the "viewer" has a completely new, active role, which in turn is taken into account in the iconic programs. Another focus is on the theme of the visibility of the relics (increasingly since the 13th century) and their importance for their reception, where it is clear that the repeatedly described alleged desire for visibility in the late Middle Ages as explanation is not sufficient.

Images as reliquary vessels and images as relics

The fact that sculptures also served (or still serve) as reliquary containers is a well-known fact. To what extent this function has determined its reception as well as its context during the period in question is a question under discussion here, whereby problematic terms such as "Kultbild" and "Andachtsbild" are touched upon. The role of the image as a holy relic is addressed through the relic-like status of images directly related to Christ.

The relic retable: forms of worship and staging

As a newly emerging, in the course of the 14th century established part of the altar equipment, the relic retable, which can be closed and changed with wings, has special significance for our question. The process of veiling and concealing images and relics is the focus of attention here, whereby it is evident that the pignora have their own, indispensable role in the "understanding" of the altarpiece and these are to be regarded as a supplement to the images - and vice versa as well.

Spaces and shrines

This chapter deliberately expands the concept of the relic and incorporates larger spatial contexts into the investigation. The starting point is the Sainte-Chapelle in Paris with its production of Passion relics acquired from Constantinople. This is about the question of whether and in what form this concept was imitated or modified in other places with significant relics possession and what significance is attached to the visual art program.

Image and relic around 1400: The reliquary as a work of art

Material aesthetic aspects are in the foreground and illustrate how the reliquary itself - similar to the relic - to an "exotic", exquisite and intimate joyau whose aesthetics and "artistry" are now deliberately used to the revered healing world to him appropriate imagery to put the page. The preciousness of the related materials - such as the email-en-ronde-bosse in France or the small-format panel paintings of the time made with expensive materials and elaborate techniques - corresponds with the venerated relics they hold or refer to.

Document type: Book
Date: 2019
Version: Primary publication
Date Deposited: 02 Jul 2019 13:45
Faculties / Institutes: Research Project, Working Group > Individuals
DDC-classification: Plastic arts, numismatics, ceramics, metalwork
Drawing and decorative arts
Painting
Controlled Subjects: Mittelalter, Reliquienkult, Reliquie, Retabel, Reliquienschrein, Geschichte 1250-1420
Subject (classification): Decorative Arts
Painting
Sculpture
Countries/Regions: Benelux
Germany, Switzerland, Austria
France