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Kreativität und Krise : Zum Zusammenhang von psychischer Beeinträchtigung und Kreativität

Hofmann, Frank-Hagen

English Title: Creativity and Crisis : The relationship between mental disorders and creativity

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PDF, German (Dissertation Hofmann Veroeffentlichung) Print-on-Demand-Kopie (epubli)
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Abstract

Seit Platon und Aristoteles beschäftigt ein möglicher Zusammenhang von Kreativität und psychischen Störungen die Phantasie der Menschen. Im wissenschaftlichen Diskurs werden insbesondere Depressionen, bipolare affektive Störungen und Schizophrenie mit besonderer Kreativität in Zusammenhang gebracht. Allerdings sind die existierenden Forschungsergebnisse widersprüchlich und eine kohärente Theorie zur Erklärung kreativitätsförderlicher Effekte psychischer Beeinträchtigungen existiert bislang nicht. In einer explorativ ausgerichteten, naturalistischen Ein-Gruppen-Prä-Post-Studie wurde in der vorliegenden Dissertation untersucht, ob bei Studierenden, die psychotherapeutische Beratung in Anspruch nehmen, ein Zusammenhang zwischen psychischer Beeinträchtigungen und Kreativität besteht. Daten zu Art und Schwere psychischer Beeinträchtigungen, Lebens- und Studienzufriedenheit, analytischem und kreativem Denken sowie kreativer Alltagsgestaltung wurden erhoben und zueinander in Beziehung gesetzt. Im prä-post-Verlauf wurde geprüft, ob sich psychische Beeinträchtigung und Kreativität durch Beratung verändern. Ein integratives Modell psychologisch-psychotherapeutischer Beratung wurde entwickelt und publiziert (Holm-Hadulla, Hofmann & Sperth, 2009). Die Auswertung basiert auf Daten von 554 studentischen Klienten einer Psychotherapeutischen Beratungsstelle, in die Auswertung des Längsschnitts fließen Daten von 149 Klienten ein. Die Ergebnisse zeigen, dass Studierende, die sich an die Psychotherapeutische Beratungsstelle wandten, substantiell beeinträchtigt sind. Neben Anpassungsstörungen ist eine ausgeprägte depressive Symptomatik häufig, zudem sind die Klienten mit Privatleben und Studium unzufrieden. Das schlussfolgernde und kreative Denken war trotz deutlicher psychischer Beeinträchtigung durchschnittlich ausgeprägt. Schlussfolgerndes Denken zeigte einige signifikante negative Korrelationen mit psychischer Beeinträchtigung, kreatives Denken war jedoch von psychischer Beeinträchtigung unabhängig. Die Zufriedenheit im privaten Bereich und im Studium war sowohl für das schlussfolgernde als auch für das kreative Denken unerheblich. Für die Umsetzung des kreativen Potentials im Alltag und das Interesse an kreativen Tätigkeiten fanden sich zahlreiche signifikante negative Zusammenhänge mit psychischer Beeinträchtigung. Sowohl die Gesamtschwere der Beeinträchtigung als auch wesentliche Beeinträchtigungsbereiche wie depressive Verstimmung, diffuse Ängste und Unruhe und Selbstwertprobleme waren konsistent negativ mit kreativer Alltagsgestaltung korreliert. Das depressive Syndrom erwiesen sich als wesentlicher beeinträchtigender Faktor für die Realisierung des kreativen Potentials im Alltag. Signifikante positive Korrelationen zeigten sich zwischen Lebens- und Studienzufriedenheit und der Nutzung des kreativen Potentials im Alltag. Die Daten des Längsschnitts ergaben eine signifikante Reduktion der psychischen Belastung in vielen, besonders aber in den vor dem Erstgespräch am stärksten ausgeprägten Beschwerdebereichen. Die Veränderungen erreichten zumeist mittlere Effektstärken. Auch der Anteil der klinisch relevant beeinträchtigten Klienten konnte deutlich reduziert werden. Die Kennwerte zu schlussfolgerndem und kreativem Denken zeigten signifikante, aber geringe Verbesserungen. Bei der Nutzung des kreativen Potentials im Alltag konnte für den globalen Kennwert keine signifikante Zunahme nachgewiesen werden, dies gelang jedoch bei Items, die sich inhaltlich auf Aktivität, Selbstvertrauen, Lust an divergentem Denken und kognitiver Flexibilität beziehen. Diese Items zeigten zudem signifikante Korrelationen mit dem Rückgang der psychischen Beeinträchtigung und der Zunahme der Zufriedenheit. In der Diskussion wird für eine Differenzierung in kreatives Denken als Potential für Kreativität und kreativer Alltagsgestaltung als Realisierung dieses Potentials argumentiert. Die Umsetzung des kreativen Potentials im Alltag leidet unter psychischer Beeinträchtigung, während kreatives Denken in einer strukturierten Testsituation auch bei psychischer Beeinträchtigung möglich ist. Die positiven Zusammenhänge zwischen kreativer Alltagsgestaltung und Lebens- und Studienzufriedenheit deuten zudem darauf hin, dass auch Zufriedenheit mit dem Status Quo für die Nutzung des kreativen Potentials im Alltag von Bedeutung ist. Die Bedeutung psychischer Beeinträchtigung und insbesondere des depressiven Syndroms für die kreative Gestaltung des Alltags wird anhand der beiden Konzepte „Strukturierungsfähigkeit“ und „Energie“ (Antrieb) diskutiert. Die Umsetzung des kreativen Potentials erfordert eine gewisse Fähigkeit zur Strukturierung des eigenen Verhaltens und die Fokussierung vorhandener (psychischer) Energie, was durch psychische Beeinträchtigungen erschwert wird. Daran anschließend wird der Bogen zum therapeutischen Kontext geschlagen und auf die Bedeutung der Ergebnisse für psychologisch-psychotherapeutische Beratung eingegangen.

Translation of abstract (English)

Since the days of Plato and Aristotle people have been discussing a possible link between creativity and mental disorders. Scientific research has often focused on depression, bipolar mood disorders, and schizophrenia in relation to creativity. However, existing research has produced inconsistent evidence and a conclusive theory explaining how exactly mental disorders can facilitate creativity is still missing. In an exploratory, naturalistic one-sample-pre-post design this dissertation investigated whether students making use of psychotherapeutic counselling show significant correlations between mental disturbance and creativity. Data about type and severity of mental disturbance, satisfaction with life and studies, analytic and creative thinking, and everyday creative activities were gathered and analyzed. The longitudinal part of this dissertation focused on changes of severity of mental disorders and creativity over the course of counselling. An integrative model of counselling was developed and published (Holm-Hadulla, Hofmann & Sperth, 2009). Data analysis is based on data from 554 university students seeking psychotherapeutic counselling, of which 149 clients contributed to the longitudinal data set. The results show that students consulting a Psychotherapeutic Counselling Service are substantially impaired. Adjustment disorders and depressive symptoms are common among the clients, who are also dissatisfied with their private life and studies. Performance on analytic and creative thinking tasks was average despite significant mental disturbance. While analytic thinking showed some significant negative correlations with mental disturbance, creative thinking proved to be independent from mental disturbance. Satisfaction with life and studies was independent of analytic and creative thinking. Everyday utilization of the creative potential and interest in creative tasks showed many significant negative correlations with mental disturbance. Global severity as well as essential areas of impairment like depressive mood, diffuse anxiety and agitation and self-worth issues showed consistent negative correlations with creative shaping of everyday tasks. Depressive symptoms proved to be an important factor impairing the implementation of the creative potential in everyday activities. Significant positive correlations were found between satisfaction with life and studies and the implementation of the creative potential in everyday activities. When comparing the data points before and after counselling a significant reduction of mental impairment in many areas was found, but especially in those areas which were most pronounced prior to the first counselling session. The changes were mostly of medium effect size. The percentage of clients suffering from clinically relevant impairment was considerably reduced. The test values for analytic and creative thinking showed significant but small increases. For the utilization of the creative potential in the shaping of everyday activities no significant global increase could be documented. However, on the level of single items referring to activity, self-confidence, delight in divergent thinking and cognitive flexibility, significant increases were found. These items also showed significant correlations with decreases in severity of mental problems and increases in satisfaction. In the discussion of the results, a distinction between creative thinking as a potential for creativity and creative shaping of everyday activities as the realization of this potential is recommended. The results have shown that the realization of the creative potential in the shaping of everyday activities is adversely affected by mental disturbance, while creative thinking as the potential for creativity is still possible in a structured test environment. Furthermore, the positive correlations between creative shaping of everyday activities and satisfaction with life and studies indicate that satisfaction with the status quo is relevant for the realization of the creative potential. The importance of mental disturbance in general and the depressive syndrome in particular for the ability to creatively shape everyday activities is discussed with respect to “structuring ability” and “energy/drive”. The realization of the creative potential in the shaping of everyday activities and mastering of the creative process requires the ability to structure activities and to focus available (psychic) energy which is more difficult to do while suffering from mental disturbance. In addition, the results are discussed in respect to the therapeutic context and counselling.

Item Type: Dissertation
Supervisor: Funke, Prof. Dr. Joachim
Date of thesis defense: 9 December 2010
Date Deposited: 27 Jan 2011 08:45
Date: 2010
Faculties / Institutes: The Faculty of Behavioural and Cultural Studies > Institute of Psychology
Subjects: 150 Psychology
Controlled Keywords: Depression, Kreativität, Kreatives Denken, Psychotherapeutische Beratung, Psychische Störung
Uncontrolled Keywords: Depression , Creativity , Mental Disorders , Psychotherapy , Counselling
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