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Der Gewalt auf der Spur: Die empirische Evaluation eines rechtsmedizinisch-kriminalistischen Triage-Instruments in der polizeilichen Praxis

Grasmann, David

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Abstract

Trotz der zentralen, mitunter verfahrensentscheidenden Bedeutung der Rechtsmedizin für das gesamte Strafverfahren ist die Einbeziehung dieser forensischen Bezugswissenschaft bei schweren Gewaltstraftaten gegen (über)lebende Opfer in Deutschland bis zum heutigen Tag nicht flächendeckend standardisiert. Im Wesentlichen basiert sie auf den persönlichen Präferenzen und Erfahrungen der sachbearbeitenden Personen der Strafverfolgungsbehörden. Um jedoch überhaupt erst zu der Frage der rechtsmedizinischen Einbeziehung in das Ermittlungsverfahren zu gelangen, muss die Gewalthandlung als solche zunächst von den ersteintreffenden Polizeikräften, in der Regel aus den Reihen der kriminalistisch weniger umfassend ausgebildeten Schutzpolizei, erkannt werden. Auch hierfür existieren aktuell noch keine, an dieser Zielgruppe sowie den besonderen Strukturen und Abläufen der Polizei orientierten, Leitlinien bzw. fachliche Hilfestellungen. Damit sind sowohl die Detektion als auch die Bearbeitung und Dokumentation von schweren Gewaltdelikten, zumindest aus wissenschaftlicher Sicht, nahezu noch komplett unreguliert. In der Konsequenz bleiben diese Taten oft gänzlich unentdeckt oder werden aufgrund des fehlenden forensischen Verständnisses unterversorgt. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass in über 99 % der jährlich in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Fälle von Gewaltkriminalität die Geschädigten die körperliche Misshandlung überleben, existiert an der Schnittstelle von Polizei und klinischer Rechtsmedizin ein dringender Handlungsbedarf, aber zugleich auch großes Potenzial zur Verbesserung der gesamten Strafverfolgung und des Opferschutzes in Deutschland. In der vorliegenden Arbeit wurde daher empirisch-explanativ erforscht, wie sich die Zusammenarbeit der Polizei, als primär kriminaltaktisch agierende Strafverfolgungsbehörde, mit der Rechtsmedizin durch den Einsatz eines wissenschaftlich fundierten kriminalistisch-rechtsmedizinischen Triage-Instruments zur Detektion und Klassifikation von Gewalthandlungen weiter verbessern lässt. Dazu wurde ein bereits in einer vorausgehenden Arbeit entwickelter Algorithmus bzw. Kriterienkatalog mit insgesamt acht Teilfragen in einem zweiphasigen experimentellen Forschungsdesign mit mehreren Polizeibehörden evaluiert. In einer ersten Phase wurde mit Unterstützung von über 60 Studierenden der Hochschule des Bundes (Bundeskriminalamt) und der Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit (Landespolizei Hessen) eine erste praktische Anwendungsschulung des als kriminalistischen Triage (KriT) bezeichneten Algorithmus mit anschließender gruppierter Online-Befragung mittels Vignettenexperimenten durchgeführt. In der anschließenden Feldphase erprobten, in Kooperation mit dem Innenministerium Baden-Württemberg, über 20 Angehörige des Kriminaldauerdienstes (KDD) der Polizeipräsidien Reutlingen und Offenburg das Instrument auf seine Praxistauglichkeit in ihrer alltäglichen (kriminal)polizeilichen Ermittlungsarbeit. Die in beiden Phasen erhobenen Daten wurden im Zuge der Forschungsarbeit getrennt voneinander aufbereitet, ausgewertet und ausführlich dargestellt. Hinsichtlich der zuvor aufgeworfenen Problemstellung zeichnete sich dabei ein äußert positives Bild ab. So war die überwiegende Anzahl der Beamt*innen bereits nach einer zweistündigen Anwendungsschulung in der Lage, den Algorithmus selbstständig anzuwenden, schwere Gewaltdelikte zuverlässig zu detektieren und entsprechend den Hinweisen auf der Taschenkarte zielführend weiter zu bearbeiten. Die Ergebnisse der als Feldphase bezeichneten zweiten Phase lassen außerdem auf einen, über alle erhobenen Deliktfelder hinweg, messbaren und statistisch signifikanten Anstieg der rechtsmedizinischen Beteiligung, in der durch den KDD bearbeiteten Frühphase des Ermittlungsverfahrens, schließen. Diese positiven Auswirkungen wurden durch die Untersuchungsteilnehmenden in einer schriftlichen Expert*innenbefragung zu möglichen Veränderungen Ihrer Arbeitsweise durch die Etablierung der KriT auch qualitativ bestätigt. Basierend auf diesen Ergebnissen und den aus den Daten sowie persönlichen Gesprächen gewonnenen Erkenntnissen wurde das kriminalistisch-rechtsmedizinische Triage-Instrument zielgerichtet weiterentwickelt, was im Kern primär eine Veränderung des Layouts sowie leichte inhaltliche Anpassungen bedeutete. Als Produkt der Arbeit wurde der weiterentwickelte und in Forensic Violence Detection Algorithm (ForViDeA) umbenannte Algorithmus sowie eine darauf basierende Adaption für die Schnittstellenzusammenarbeit von Notfallmedizin und Rechtsmedizin in Form eines mehrstufigen, als Forensic Violence Detection Score (ForViDeS) bezeichneten, Scoring-Systems präsentiert. Zusammen mit dem, durch aktuelle Gesetzesinitiativen und verbesserte Finanzierungsmöglichkeiten, bereits katalysierten Aufbau einer klinisch-rechtsmedizinischen Versorgungsinfrastruktur in Deutschland existiert damit eine echte Chance, die individuelle Behandlung von Gewaltopfern und die Qualität der Strafverfolgung langfristig zu verändern. Damit haben die Arbeit und vor allem die vorgestellten Instrumente das Potenzial, zu mehr Gerechtigkeit und der Verbesserung des Opferschutzes bei (über)lebter körperlicher Gewalt beizutragen. Dafür bedarf es jedoch auch in Zukunft noch sehr viel Überzeugungsarbeit bei allen beteiligten Professionen sowie weiterer empirischer Forschung. Die Arbeit hat das dafür notwendige wissenschaftliche Fundament gelegt, sodass nun der Fokus auf die Weiterentwicklung, Qualitätssicherung und vor allem Verbreitung der Instrumente in den jeweiligen Einsatzfeldern gelegt werden kann.

Document type: Dissertation
Supervisor: Yen, Prof. Dr. Kathrin
Place of Publication: Heidelberg
Date of thesis defense: 29 January 2026
Date Deposited: 24 Feb 2026 14:09
Date: 2026
Faculties / Institutes: Medizinische Fakultät Heidelberg > Institut für Rechtsmedizin
DDC-classification: 340 Law
610 Medical sciences Medicine
Controlled Keywords: Rechtsmedizin, Kriminalistik, Gewaltkriminalität, Strafverfolgung, Ermittlungsverfahren, Polizei, Kriminaltaktik, Triage, Körperliche Untersuchung, Forensik
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