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Auf der Suche nach einer wissenschaftlichen Kunstgeschichte. Eine Skizze wissenschaftlicher Spielregeln

Nille, Christian

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PDF, German
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Abstract

Der Aufsatz reagiert auf den Umstand, dass sich in den gängigen Einführungsbüchern in das Fach Kunstgeschichte keine klaren Angaben finden, was den wissenschaftlichen Umgang von anderen Umgangsweisen mit Kunstwerken unterscheidet. Allgemein gesprochen, wird das Problem behandelt, dass der wissenschaftliche Status der Kunstgeschichte unklar ist. In einem ersten Schritt wird das Problem genauer umrissen und Erklärungsvorschläge gemacht, warum dieses Problem besteht.

Im Hauptteil wird dann der Versuch unternommen, eine wissenschaftliche Kunstgeschichte zu skizzieren, wozu Spielregeln aufgestellt werden, deren Einhaltung für die Kunstgeschichte als Wissenschaft konstitutiv ist. Es handelt sich um folgende elf wissenschaftliche Spielregeln (wS):

(wS1): Institutionalisierte Weltdeutungen, also das Operieren mit Selbstverständlichkeiten, sind Produkte der Praxis und daher unterkomplex. Diese Weltdeutungen oder Selbstverständlichkeiten müssen in der Wissenschaft hinterfragt und damit zu Problemen erhoben werden, um Komplexität zu steigern. An die Stelle von einfachen Lösungen treten komplexe und vorläufige Lösungen sowie neue Probleme.

(wS2): Jedes soziale Feld besitzt spezifische Spielregeln, und wenn man auf dem wissenschaftlichen Feld mitspielen möchte, muss man sich nach den wissenschaftlichen Spielregeln (mit der Leitidee der Wahrheit) richten, die sich in Abgrenzung zu den Spielregeln anderer Felder bestimmen lassen.

(wS3): Das wissenschaftliche Feld oder die Wissenschaft besitzt keinen Wert an sich. Man darf daher nichts kritisieren, weil es nicht wissenschaftlich ist, sondern nur, weil es den Anspruch erhebt, wissenschaftlich zu sein, oder so wahrgenommen und behandelt wird, es aber nicht ist.

(wS4): Es ist strikt zwischen Diskussionsgegenstand, der in Form von Aussagen vorliegt, und empirischem Gegenstand, also Kunstwerken und anderen Quellen, zu unterscheiden; letzteren muss die wissenschaftlichen Diskussion Rechnung tragen, insofern es sich um eine empirische Wissenschaft handelt.

(wS5): Es ist strikt zwischen einer wissenschaftlichen Kritik, in der Aussagen kritisiert werden, und einer persönlichen Kritik, in der eine Person kritisiert wird, zu unterscheiden. In der wissenschaftlichen Diskussion ist allein die erste Form legitim. Personen sind hier irrelevant und werden durch vernünftige Argumente ersetzt.

(wS6): Die Annäherung an die Wahrheit im Sinne einer Korrespondenztheorie bedeutet wissenschaftlichen Fortschritt. Zur Erzielung eines wissenschaftlichen Fortschritts muss erstens der Forschungsstand zu einer Frage als Diskussionsgegenstand herausgestellt, zweitens die Fehlerhaftigkeit des Forschungsstands angegeben und dieser drittens verbessert werden.

(wS7): Eine (gute) wissenschaftliche Theorie muss Zirkelfreiheit, interne und externe Widerspruchsfreiheit, Erklärungswert, Prüfbarkeit/Kritisierbarkeit und Testerfolg besitzen, ansonsten ist eine Theorie nicht wissenschaftlich, sondern irrational oder pseudowissenschaftlich.

(wS8): Wissenschaftliche Aussagen oder Theorien müssen möglichst klar formuliert werden, so dass ersichtlich wird, wie sie zu kritisieren sind. Alle Arten von Immunisierung sind abzulehnen.

(wS9): In der Wissenschaft muss eine vernünftige Argumentation gepflegt werden. Alle anderen Formen der Argumentation sind dort nicht erlaubt und werden als fehlerhaft angesehen. Unvernünftige Argumente sind in der Wissenschaft keine Argumente.

(wS10): Wann immer möglich, sollte man auf Experimente zurückgreifen, um strittige Fragen zu entscheiden.

(wS11): In der Gesellschaft kommt der Wissenschaft eine spezifische Funktion und daher ein spezifischer Wert zu. Als Wahrheitsdiskurs kann sie Fehler der übrigen sozialen Felder frei benennen und Alternativen formulieren. Um dieser Funktion gerecht zu werden, müssen möglichst wichtige gesellschaftliche Probleme wissenschaftlich angegangen werden.

Document type: Article
Date: 2015
Version: Secondary publication
Date Deposited: 08 Apr 2015 11:41
Faculties / Institutes: Research Project, Working Group > Individuals
Controlled Subjects: Kunstgeschichte <Fach>, Kunstwerk, Wissenschaft
Subject (classification): Aesthetics, Art History
Countries/Regions: Germany, Switzerland, Austria