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In loco fundationis. Planungs- und Baugeschichte sowie architekturikonographisches Konzept der Stiftskirche St. Lorenz in Kempten unter Fürstabt Roman Giel von Gielsberg 1652-1673

Laube, Volker ; Jahn, Peter Heinrich

In: Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte, 43 (2009), pp. 241-351

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PDF, German
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Abstract

Die Studie beschäftigt sich mit dem in der in den 1650er Jahren begonnenen frühbarocken Stiftskirche in Kempten (Allgäu). Das dortige Benediktinerkloster besaß wie dasjenige in Corvey den reichsrechtlichen Sonderstatus einer gefürsteten Abtei. Die nach der im Dreißigjährigen Krieg erfolgten Zerstörung der Klosteranlage neu errichtete doppeltürmige Stiftskirche, bestehend aus einem basilikalen Langhaus und einem zentralisierten, überkuppelten Chorbau, wird entwicklungsgeschichtlich zu den ersten Großbauten nach jener über Kempten hinaus für ganz Süddeutschland so einschneidenden Kriegskatastrophe gezählt. Ungeachtet solcher pauschalen Verortungen werden in der vorliegenden Studie neue aus den Quellen gewonnene bau- und konzeptionsgeschichtliche Erkenntnisse (Beitrag von Volker Laube) in Zusammenhang gebracht mit einer ikonologischen Deutung der ungewöhnlichen, aus der allgemeinen Stilentwicklung ausscherenden Baugestalt des Chorbaus als Zentralbau mit Emporen, der innen einen quadratischen und außen einen achteckigen Grundriss aufweist (Beitrag von Peter H. Jahn).

Das von Volker Laube vorgenommene akribische Quellenstudium liefert zwei für die Einschätzung der Kemptener Lorenzkirche wichtige neue Erkenntnisse: Zum einen war diese einschließlich ihres eigentümlichen Chorbaus anfänglich als Pfarrkirche des angestammten Stiftsbezirks konzipiert worden, während das Kloster samt Abteikirche quasi ,auf der grünen Wiese‘ neu errichtet werden sollte. Zum anderen erweist sich die doppelgeschossige Struktur des Chorbaus als Konstante im Verlauf eines stufenweise erfolgten Ausbaus der anfänglichen Pfarrkirche zur Stiftskirche, dies nachdem die Entscheidung gefallen war, die Kloster- und Residenzfunktion in sich vereinigenden Stiftsgebäude nun doch am angestammten Platz zu errichten.

Der architekturikonologische Beitragsteil versteht sich als kritische Studie gegenüber einer spekulativen Interpretationsweise, die ihre Erkenntnisse allein aus der gegenwärtigen Anschauung und ohne Absicherung durch Quellen gewinnt, sowie gegenüber einer allzu einseitigen entwicklungsgeschichtlichen und noch dazu von ästhetischen Vorurteilen und Zweifeln am damaligen bautechnischen Können begleiteten Fragestellung, bei welcher der Kemptener Chorbau als Außenseiter stets eine negative Rolle im Sinne einer baulich ungeschickt gelösten Vierungskuppel nach dem gegenreformatorischen Kirchenschema (d. i. Nachfolge von Il Gesù) gespielt hat. Dem kann eine nach der kultisch-liturgischen Zweckbestimmung fragende Bautypenforschung entgegengehalten werden, der zufolge sich die Kemptener Stiftskirche wertneutral als additive Kombination aus einer Laienkirche und einem zentralisierten Kultbau auffassen lässt.

Als neuer Interpretationsansatz wird folglich die komplexe Baugestalt der Kemptener Stiftskirche als in dieser Form gewollt hingenommen und hinsichtlich des eigenwilligen Chorbaus in positivem Sinn eine Deutung als pogrammatischer Rückgriff auf einen karolingischen Kirchentypus versucht, der durch das Aachener Marienmünster prominent repräsentiert wird. Eine Erklärung für diese vermutete barockzeitlich-historisierende Baugesinnung bietet die Kemptener Chronistik: Das Fürststift, das im Dreißigjährigen Krieg die völlige Zerstörung seiner Abteikirche zu beklagen hatte, verstand sich als Gründung der lokal verehrten hl. Hildegard, einer Gattin Karls des Großen. Die in die Barockzeit tradierte lokale Kemptener Hagiographie begriff aus Legitimationsgründen die Stiftung des Aachener Münsters als Sukzession des Kemptener Stiftungsaktes – eine historisch unhaltbare Konstruktion, die aber damals im Denken der Fürstabtei fest verankert war. Die Rekonstruktion eines vermeintlich Aachen ähnlichen Gründungsbaus, kultisch als Grabeskirche der hl. Hildegard und damit verbundenes Wallfahrtsheiligtum gedacht, sollte offenbar denkmalhaft die althergebrachten Herrschaftsrechte des im 17. Jh. von Verfassungs- und Finanzkrisen erschütterten Fürststifts vor Augen führen. Der schließlich erfolgte Ausbau der Lorenzkirche zur Stiftskirche beraubte den Chorbau, damit er als Mönchschor tauglich wurde, seiner angedachten kultischen Bestimmung, so dass vom ursprünglichen Konzept allein die aussagekräftige Baugestalt übrig blieb.

Document type: Article
Version: Secondary publication
Date Deposited: 14 Apr 2015 16:01
Faculties / Institutes: Research Project, Working Group > Individuals
DDC-classification: Architecture
Controlled Subjects: Sankt Lorenz <Kempten, Allgäu>, Architektur, Ikonographie, Geschichte 1652-1673
Subject (classification): Architecture
Artists, Architects
Iconography
Countries/Regions: Germany, Switzerland, Austria