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Die Bedeutung Sibiriens im Werk von Joseph Beuys und Jochen Gerz

Mörsch, Gerd

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Abstract

Das Thema wurde im Kontext eines Seminares (Zur Ikonographie der Reise von Prof. Antje von Graevenitz) schon in Vortragsform behandelt. Der folgende Text konzentriert sich vor allem auf die Bedeutung der „Sibirischen Idee“ im Werke von Beuys.

Die untersuchten Aktionen von Beuys (Sibirische Symphonie, Eurasia und Eurasienstab) bilden eine Einheit. Nur aus ihrem Zusammenhang lässt sich die vielfältige Bedeutung Sibiriens erkennen. Die Vielzahl der Gerzschen Aktionen, welche eine deutliche Nähe zur Beuysschen Idee Sibiriens aufweisen sei hier kurz erwähnt. Um den Rahmen nicht zu sprengen, beschränkt sich der Text auf das Transsib.-Projekt und einige Hinweisen zu anderen Werken. Einleitenden Kurzbiographien helfen, zeitliche Rahmenbedingungen und Zusammenhänge im Werk der beiden Künstler zu verdeutlichen. Sie geben die Möglichkeit, die Werke in die Entwicklung der beiden verschiedenen, in gewisser Weise doch auch ähnlichen Künstler einzuordnen.

„In der Beuysschen Aktion verband sich, was sonst getrennt ist: Objekt und Skulptur, Raum und Zeit, Zeichnung und Sprache, Körper und Musik; den Zusammenhalt schuf der Handelnde mit diesen Elementen“ (1), so U. M. Schneede. Die 1960er Jahre waren die richtungsweisende Phase im Leben des Künstlers. „Diese Aktionen waren ja wichtig, um den alten Kunstbegriff zu erweitern“ (2) so Beuys später. Mit Werken wie dem Fettstuhl von 1964 provozierte er gezielt, brachte Bewegung und Diskussion in die als sterbend beurteilte Kultur des Okzidents. Der Ausbruch aus der traditionellen Kunst war gleichzeitig ein Aufbruch hin zu einer neuen, nicht mehr nur retinalen. Eine, wie sie im Sinne einer erweiterten Kunsttheorie gefordert wird hin zu einer sozialen Utopie, welche ihre gesellschaftliche reale Existenz auch als Konsequenz eines universellen Kunstprozesses versteht. Beuys forderte die Einheit von Kunst und Leben, Natur und Geist und entwickelte seine Idee einer Sozialen Plastik. Er hielt Vorträge, veranstaltete Diskussionsrunden und wurde zunehmend politisch aktiv. Das heutzutage weit verbreitete Bonmot von Beuys, demzufolge jeder Mensch ein Künstler sei, zeigt den enormen gesellschaftlichen Einfluß den Beuys’ Aktionen und Theorien.

Natürlich ist es nicht nur der Begriff Sibirien an sich, der beide Künstler und ihr Werk verbindet. Die anfängliche Idee Sibirien als Grenze zwischen Ratio und Intuition, zwischen Natur und dem von ihr entfremdeten Menschen entwickelte sich hin zur positiven Vision Eurasia und dem mystischen Eurasienstab. Eine politisch gesellschaftliche Utopie, die dem Menschen Wege aus der Krise der Zivilisation weist.

Jochen Gerz künstlerische Biographie ist entscheidend durch Beuys geprägt, wie seine frühen Interventionen im öffentlichen Raum, aber auch späte Werke, wie 2146 Steine oder die Bremer Befragung sini somno nihil von 1990-1995 zeigen. Zusammen mit 232 von 50.000 Befragten Bremer Bürgern (Studenten, Häftlinge, Fabrikarbeiter...) diskutierte und plante Gerz das Kunstwerk. Auch für ihn muss Kunst mehr als ein vom Künstler produziertes, letztlich nur ausstellbares Museumsobjekt sein. Sie ist ein lebendiger Prozess, der sich ständig weiter entwickelt, auf den Menschen reagiert. „ (...) keiner wird den Namen der Kunst ändern wollen, was ja auch eine Möglichkeit wäre.... z. B. Kunst ist etwas, was wir machten, solange wir von etwas anderem als von uns selbst bedroht waren. Wer vor sich selbst gefährdet ist, macht keine Kunst. Die Herausforderung für die Kunst ist der Friede“ (3) beschreibt Gerz sein durchaus politisch zu bezeichnendes Kunstverständnis.

In der Rauminstallation Transsib.-Projekt findet sich nicht nur der Name Sibiriens, vielmehr wird die Nähe zur Intuition, zu den imaginierten Bildern Beuys deutlich. Das Unsichtbare spielt im Werk von Gerz eine große Rolle (wie z. B. beim verschwindenden Harburger Mahnmal, den nicht lesbaren Namen auf der Unterseite der 2146 Seite oder den versenkten Antworten der Is there life on earth? Aktion ...) und erscheint mir als eine Art Pendant zu Beuys Mystik und den von ihm beschriebenen intuitiven Kräften. Beuys reist mit dem Eurasienstab über alle Grenzen hinweg und sendet seine Idee in alle Himmelsrichtungen Eurasiens, während Gerz durch die mit Abdeckfarbe verdunkelten Fenster auf seiner realen Zugfahrt den imaginären, grenzenlosen Charakter seiner Reise verdeutlicht.

(1) in „J.B. Die Aktionen“, Gerd Hatje Verlag 1994, S.8

(2) in Kramer 1991, S.10

(3) in „Gegenwart der Kunst“ Interviews 1970-1995, S.141

Document type: Article
Date: 2016
Version: Primary publication
Date Deposited: 21 Jul 2016 13:11
Faculties / Institutes: Research Project, Working Group > Individuals
DDC-classification: Plastic arts, numismatics, ceramics, metalwork
Photograpy, computer art
Controlled Subjects: Beuys, Joseph, Gerz, Jochen, Sibirien <Motiv>
Subject (classification): Photography
Sculpture
Others
Countries/Regions: Germany, Switzerland, Austria