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Psychische Belastungen im Arbeitskontext - Inhaltsbezogene und methodenkritische Analysen zur Weiterentwicklung des Verfahrens GPB

Feldmann, Elisa

English Title: Psychological stress at work

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PDF, German
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Abstract

Die heutige Arbeitswelt ist gekennzeichnet von verschiedenartigen demografischen, technologischen und wirtschaftlichen Veränderungen, geprägt durch beispielsweise eine zunehmende Digitalisierung und Tertiarisierung. Eine Reaktion auf die damit einhergehenden veränderten und sich verändernden Arbeitsbedingungen stellte im Jahre 2013 eine explizite Verankerung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen im Arbeitsschutzgesetz dar. Die Gefährdungsbeurteilung Psychische Belastung (GPB; z.B. Michel, Sonntag, & Menzel, 2009; Sonntag & Feldmann, 2017; Sonntag, Turgut, & Feldmann, 2016) ist ein Verfahren für eine solche Gefährdungsbeurteilung auf Tätigkeitsebene: Anhand eines Beobachtungsinterviews werden psychische Belastungen objektiv und konsensorientiert durch ein sogenanntes Analyseteam beurteilt, woraufhin geeignete Maßnahmen in moderierten Workshops abgeleitet werden. Basierend auf dem Anforderungs-Kontroll-Modell (Karasek, 1979) werden potenziell ungünstige psychische Belastungen mittels kritischer Kombinationen bewertet, wobei die zwölf Belastungsdimensionen Arbeitsintensität, Arbeitskomplexität, Arbeitsunterbrechungen, Emotionsregulation, Handlungsspielraum, Kontrollerfordernisse, Konzentrationserfordernisse, Kooperationserfordernisse, Kundenorientierung, Variabilität, Verantwortungsumfang und Zeitspielraum berücksichtigt werden. In sechs Studien behandelt diese Dissertation methodenkritische (Studien 1, 2 und 3) und inhaltliche (Studien 4, 5 und 6) Analysen zu dem Verfahren GPB.

Studie 1 umfasst eine Literaturrecherche zu den in der GPB betrachteten kritischen Kombinationen psychischer Belastungen und deren Bedeutsamkeit für relevante Beanspruchungsfolgen. Zu folgenden Interaktionen wurden empirische Studien identifiziert: Arbeitsintensität und Handlungsspielraum, Arbeitsintensität und Zeitspielraum, Arbeitskomplexität und Handlungsspielraum, Arbeitskomplexität und Emotionsregulation, Emotionsregulation und Handlungsspielraum sowie Verantwortungsumfang und Handlungsspielraum. Auf diesen Kombinationen sollte bei der Beurteilung psychischer Belastungen ein besonderes Augenmerk liegen, jedoch sollten im Rahmen einer umfassenden Gefährdungsbeurteilung alle möglichen kritischen Kombinationen abgewogen werden.

In Studie 2 wird eine optimierte Version der GPB für weitere Berechnungen dieser Dissertation hergeleitet. Im ersten Schritt wurde der Itempool von insgesamt 98 Items aufgrund inhaltlicher Überlegungen auf 74 Items reduziert. Im zweiten Schritt wurden hiervon aufgrund statistischer Überlegungen 63 Items ausgewählt, basierend auf N = 1107 betrachteten Tätigkeiten in 13 Unternehmen verschiedener Branchen.

In Studie 3 wird die GPB hinsichtlich der Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität umfassend überprüft. Die Durchführungs-, Auswertungs- und Interpretationsobjektivität wurden vorrangig mittels prozessualer sowie theoretischer Überlegungen geprüft und als zufriedenstellend bewertet. Die Reliabilitäten der zwölf Skalen waren akzeptabel bis sehr gut (N = 244 bis N = 1107). Ein Abgleich der GPB mit den normativen Empfehlungen der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA-Arbeitsprogramm Psyche, 2016b) und den Inhalten des Anforderungs-Kontroll-Modells (Karasek, 1979) bzw. Job Demands-Resources Models (Demerouti, Bakker, Nachreiner, & Schaufeli, 2001) ergab eine zufriedenstellende Inhaltsvalidität. Die Konstruktvalidität der GPB wurde mittels eines explorativen Strukturgleichungsmodells zur Überprüfung der Faktorstruktur (N = 248) sowie anhand der konvergenten (N = 39) und divergenten Validität (N = 248) getestet. Hinsichtlich der Faktorstruktur erzielte ein Modell mit zwölf Faktoren eine akzeptable Modellpassungsgüte, wobei die Items der zwölf GPB-Skalen zum Teil auf gemeinsamen Faktoren luden. Die signifikanten Korrelationen zwischen den objektiv versus subjektiv erfassten Skalen belegten die konvergente Validität. Die objektiv erfassten Skalen waren teilweise mit mittlerer bis hoher Effektstärke signifikant untereinander korreliert, wodurch die diskriminante Validität eingeschränkt war. Diese Ergebnisse der Konstruktvalidierung veranschaulichten, dass die Zusammenfassung einiger Skalen aus statistischen Gesichtspunkten angebracht war. Vor dem Hintergrund des praktischen Nutzens wurde die bisherige Struktur der GPB für eine differenzierte Betrachtung von Arbeitsbedingungen jedoch beibehalten. Zusammenfassend deuten die Ergebnisse darauf hin, dass es sich bei der GPB um ein objektives, reliables und valides Verfahren zur Beurteilung arbeitsbezogener psychischer Belastungen handelt.

Die Studien 4 und 5 beschäftigen sich mit dem nomologischen Netzwerk der GPB im Sinne einer Konstrukt- und Kriteriumsvalidierung, indem der Zusammenhang zwischen Arbeitsaufgaben, kritischen Kombinationen psychischer Belastungen und psychischen Beanspruchungsfolgen erforscht wird. Studie 4 untersucht die Bedeutsamkeit unterschiedlicher Arbeitsaufgaben hinsichtlich der Auftretenswahrscheinlichkeit kritischer Kombinationen psychischer Belastungen anhand einer branchenübergreifenden Stichprobe (N = 160 objektiv erfasste Tätigkeiten). Logistische Regressionen zeigten, dass Aufgaben im Umgang mit Menschen und Aufgaben im Umgang mit Dingen mit einer höheren Auftretenswahrscheinlichkeit kritischer Kombinationen assoziiert waren. Im Gegensatz dazu standen Aufgaben im Umgang mit Informationen in Verbindung mit einer geringeren Auftretenswahrscheinlichkeit kritischer Kombinationen. Logistische Aufgaben waren keine signifikanten Prädiktoren für die Vorhersage kritischer Kombinationen psychischer Belastungen.

Studie 5 thematisiert die Job Strain Hypothese im Sinne des Anforderungs-Kontroll-Modells (Karasek, 1979), wonach das Zusammenwirken von hohen Arbeitsanforderungen mit einem geringen Entscheidungsspielraum in besonders belastenden bzw. beanspruchenden Tätigkeiten resultiert. Mittels subjektiv erfasster Daten in zwei Stichproben (N = 82; N = 55) wurde die Bedeutsamkeit von kritischen Kombinationen aus hohen Arbeitsanforderungen (operationalisiert durch Arbeitsintensität und Arbeitskomplexität) und geringem Entscheidungsspielraum (operationalisiert durch Handlungs- und Zeitspielraum) für die emotionale Erschöpfung, das gedankliche Abschalten von der Arbeit und die Arbeitszufriedenheit untersucht. Varianzanalysen bestätigten die Job Strain Hypothese hinsichtlich der emotionalen Erschöpfung und des gedanklichen Abschaltens, nicht jedoch bezüglich der Arbeitszufriedenheit.

Zusammenfassend veranschaulichen die Studien die Relevanz ganzheitlicher, sinnhafter und vollständiger Aufgaben im Rahmen einer gesunderhaltenden Arbeitsgestaltung. Daher illustriert Studie 6 einen Katalog verhältnis- und verhaltenspräventiver Maßnahmen zur Reduktion von ungünstigen psychischen Belastungen am Arbeitsplatz bzw. zum adäquaten Umgang mit solchen Anforderungen. Thematisiert werden technische, organisatorische und personelle Maßnahmen. Alles in allem betonen die Befunde die Bedeutsamkeit einer bedarfsgerechten und nachhaltigen Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen durch die Einbettung ebendieser in ein ganzheitliches Konzept der Gesundheitsförderung in Organisationen.

Translation of abstract (English)

Today’s working environment is characterized by various demographic, technological, and economic changes; shaped by an increasing digitization and tertiarization. The establishment of a risk assessment concerning psychological stress, as part of the German Occupational Safety and Health Act, could be understood as a reaction to these changed and changing working conditions. Gefährdungsbeurteilung Psychische Belastung (GPB; e.g., Michel et al., 2009; Sonntag & Feldmann, 2017; Sonntag et al., 2016) is a tool for such a risk assessment on the job level: Through the use of observations and interviews, psychological stress may be assessed objectively and in a consensus-oriented manner by a so-called analysis team. Using this as a guide, appropriate actions are derived. Building on the job demand–control model (Karasek, 1979), psychological stress is evaluated via critical combinations, including twelve scales called work intensity, task complexity, work interruptions, emotional demands, decision latitude, compliance, concentration, cooperation, customer orientation, variability, responsibility, and work time flexibility. Spanning six studies, this dissertation deals with methodological (studies 1, 2, and 3) and contentual (studies 4, 5, and 6) analyses concerning GPB.

Study 1 covers a review of the assumed critical combinations of psychological stress and their relevance for psychological strain. The following combinations were identified within empirical studies: work intensity and decision latitude, work intensity and work time flexibility, task complexity and decision latitude, task complexity and emotional demands, emotional demands and decision latitude as well as responsibility and decision latitude. These combinations should be focused on when assessing psychological stress. However, all possible critical combinations of GPB should be considered in a comprehensive risk assessment.

Study 2 aims to develop an optimized version of GPB for further use. Firstly, a 98-item pool was reduced to 74 items because of contentual considerations. Due to statistical considerations leading to further elimination, a subsequent set of 63 items resulted in the optimized version of GPB (N = 1107 jobs in 13 companies of various industries).

Study 3 examines GPB’s objectivity, reliability, and validity. Objectivity regarding implementation, evaluation, and interpretation was adequately verified via processual and contentual issues. Internal consistencies were acceptable up to very good (N = 244 to N = 1107). Content validity was satisfactory since GPB fulfilled the normative recommendations of the Joint German Occupational Health and Safety Strategy (cf. GDA-Arbeitsprogramm Psyche, 2016b). Moreover, GPB represented the contents of the job demand–control model (Karasek, 1979) and the job demands–resources model (Demerouti et al., 2001). Construct validity was investigated by exploratory structural equation modeling to examine factor structure (N = 248), by convergent validity (N = 39), and by discriminant validity (N = 248). Regarding the factor structure, a twelve-factor model showed an acceptable fit. Contrary to the assumed structure of GPB, some items loaded on common factors. Significant correlations between objectively versus subjectively measured scales supported convergent validity. There were significant medium to high correlations among the objectively measured scales, leading to a reduction in discriminant validity. According to the results of the construct validation, some scales should be aggregated because of statistical reasons. Nevertheless, GPB’s previous structure was maintained for practical reasons resulting in a more pronounced consideration of working conditions. Altogether, the results of study 3 revealed GPB to be an objective, reliable, and valid tool for risk assessment of psychological stress.

According to construct validation and criterion validation, studies 4 and 5 are concerned with the nomological net of GPB, and examine the relationship between occupational tasks, critical combinations of psychological stress, and psychological strain. Based on a cross-industry sample (N = 160 objectively assessed jobs), study 4 explores the role of various tasks for the critical combinations’ probability of occurrence. Logistic regression analyses revealed that critical combinations were more likely to occur in case of tasks dealing primarily with people or tasks dealing primarily with things. In contrast, critical combinations were less likely to occur in case of tasks primarily dealing with information. Logistical tasks were not predictors of the probability of critical combinations.

Study 5 investigates the so-called job strain hypothesis in line with the job demand–control model (Karasek, 1979), meaning that the combination of high job demands and low decision latitude is associated with high strained jobs. The role of critical combinations of high job demands (operationalized by the GPB scales work intensity and task complexity) and low decision latitude (operationalized by the GPB scales decision latitude and work time flexibility) for emotional exhaustion, psychological detachment, and job satisfaction was examined on the basis of subjectively assessed data within two samples (N = 82; N = 55). Analyses of variance supported the job strain hypothesis with reference to emotional exhaustion and psychological detachment, but the job strain hypothesis concerning job satisfaction was not supported.

Altogether, the studies emphasize the importance of holistic, meaningful, and complete tasks in terms of a health-maintaining job design. Therefore, study 6 covers a variety of actions concerning structural as well as behavioral prevention. These actions are designed to reduce adverse psychological stress or to deal with such demands in an appropriate manner. The catalogue includes technological, organizational, and personal actions. All in all, the results stress the importance of an adequate and sustainable risk assessment of psychological stress, embedded within a holistic concept of health promotion in organizations.

Item Type: Dissertation
Supervisor: Sonntag, Prof. Dr. Karlheinz
Date of thesis defense: 5 February 2018
Date Deposited: 15 Feb 2018 07:32
Date: 2018
Faculties / Institutes: The Faculty of Behavioural and Cultural Studies > Institute of Psychology
Subjects: 150 Psychology
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