Die Gräber des Nedjemger (TT 138) und des Hori (TT 259)
zu: Theben XV, Mainz 2006

von Erika Feucht

In der Ebene von el-Chocha, ungefähr auf halbem Weg zwischen seiner Arbeitsstätte, dem Ramesseum, und der alten Gräberstraße, hat der Gärtner des Ramesseums Nedjemger zur Zeit Ramses’ II. sein Grab anlegen lassen (TT 138). Wegen des flachen Geländes führt eine Abstiegsrampe in einen Vorhof hinab, von dem aus das Grab in den nach Westen anstehenden bröckeligen Felsen getrieben wurde. Am Ende der 20. Dynastie, nutzte der Maler Hori diesen Vorhof und ließ sein Grab fast an die Westwand grenzend in den anstehenden Felsen der Südwand des Hofes schlagen (TT 259)1. Bei beiden Gräbern handelt es sich um Einkammergräber, die, in Verkürzung eines T-förmigen Grundrisses, gegenüber der Eingangstür eine Nische an Stelle des Ganges aufweisen.
In die Nordwand des Hofes wurde eine Nische grob ausgehauen. Zwei Anlagen für Sekundärbestattungen sind an der Ostwand des Grabes in die Tiefe geschlagen worden. In der südlichen wurden zwei Skelette freigelegt (TT -263-).
Über einen als Türschwelle dienenden Block aus der Amarnazeit tritt man in die Querhalle von TT 138 (6,50 x 1,70 m). Der Eingang wird von breiten Türlaibungen eingefasst, auf denen Nedjemger einst herausschreitend die Sonne bei ihrem Aufgang bzw. hineinschreitend Osiris verehrt hat.2  Gegenüber dem Eingang gelangt man über eine Stufe in die nach Westen führende und den Längsraum ersetzende Nische. Aufgemauerte Pilaster, die die Ost- und die Westwand sowie die beiden südlichen Ecken im Südteil des Grabes einnehmen, sollten die inzwischen herabgebröckelte Decke stützen. Die ganze Breite der Südseite nimmt ein Schacht ein, der zu fünf unterirdischen Kammern führt, von denen zwei tiefer liegende über weitere Schächte zu erreichen sind. Die „sloping passage“ liegt im Nordteil des Grabes. Durch sie gelangt man zu drei Kammern auf zwei Ebenen, deren letzte durch einen tiefen Schacht mit den höher liegenden Kammern verbunden ist.

Zum Grab des Hori, TT 259 (6 x 1,5 m) schreitet man von Norden über zwei einst von einem Gewölbe überdachte Stufen in die sich nach Westen und Osten weitende Kammer. Eine erhöhte Nische gegenüber dem Eingang bildet den verkürzten Längsraum. Nur geringfügig abwärts führt die „sloping passage“ durch den westlichen Teil der Südwand zu drei rau ausgeschlagenen Kammern. Von ihnen leiten zwei Schächte zu zwei Kammern auf einer tieferen Ebene hinab. Die ganze Breite der Ostseite der Grabkammer ist zu einer Kammer vertieft, die weit unter den Felsen führt.

Die Grabkammern und die den Längsraum ersetzende Nischen sind in beiden Gräbern mit Darstellungen ausgeschmückt.

Das Grab des Nedjemger (TT 138)

Im Südteil von TT 138 wird in drei übereinander liegenden Registern entlang der drei Wände der Übergang vom Leben bis in das Totenreich geschildert. Er beginnt im unteren Register auf der Ostwand links des Eingangs mit Darstellungen aus dem diesseitigen Leben des Gärtners, setzt sich auf der Südwand mit Darstellungen des Talfestes fort, in denen die Verbindung zwischen dem Diesseits mit dem Jenseits durch die Zusammenkunft des Verstorbenen und seiner Gemahlin mit den Hinterbliebenen illustriert wird, und führt zu Festmahlsszenen auf der Westwand, bei denen dem Ehepaar unter Teilnahme von Hinterbliebenen geopfert wird.
Ebenfalls am Eingang beginnt im mittleren Register der Weg des Verstorbenen zu seinem Grab. Aufgebahrt in einem Katafalk auf einem Schiff wird der Leichnam von einem Segelboot über den Nil geschleppt und am Westufer von Trauernden empfangen. Der Begräbniszug setzt sich auf der Süd- und Westwand fort. Trauerweiber treten dem auf einem Schlitten von Rindern durch die Wüste gezogen Leichnam auf der Südwand entgegen. Auf der Westwand schreitet das aus zwei Gruppen von Freunden und Kollegen bestehende Trauergeleit vorbei an Opferaufbauten („booths“), vor denen Töpfe zerbrochen werden, und vorbei an der Kuh, da ihrem Kälbchen von einem kleinen Offiziant das linke Vorderbein abgetrennt worden ist. Dieser eilt davon, um den Schenkel zur Wiederbelebung der vor dem Grab in ihren Mumiensärgen aufgerichteten Leichname des Verstorbenen und seiner Gemahlin, an denen das Mundöffnungsritual vollzogen wird, zu bringen.
Im oberen Register legt das Ehepaar seinen Weg durch die von Dämonen bewachten Tore (Tb. 145) der Unterwelt erfolgreich zurück und gelangt vor den Totenherrscher Osiris.

In der Nische durchschreitet es die Halle, in der es das Negative Bekenntnis ablegt (Tb. 125), und gelangt zur Wägung des Herzens durch Anubis, dessen positives Ergebnis Thot aufzeichnet und Harsiese Osiris und seinem Richterkollegium, der Neunheit, verkündet. Auf der gegenüber liegenden Wand tritt Nedjemger mit seiner Familie vor die Totengottheiten [Osiris], Isis, Hathor und Anubis.

Die Szenen im Nordteil des Grabes spielen im Jenseits. Die ganze Höhe der Nordwand nimmt die Baumgöttin Nut ein. Aus der Sykomore hervorwachsend, reicht sie dem sitzenden Ehepaar Wasser und ihre Früchte (Tb. 59). Die Ost- und die Westwand sind diesmal nur in zwei Register aufgegliedert. Schreitet im oberen Register der Ostwand das verstorbene Ehepaar mit seinen Kindern auf den Eingang zu, um dem thronenden Gott Ptah-Sokar-Osiris zu opfern, so folgen die Kinder ihren Eltern auf der Westwand zum Opfer vor Osiris, der sie mit dem Rücken zu der ins Jenseits führenden Nische erwartet. Die unteren Register werden von fast identischen Totenopferszenen eingenommen.
Auffallend ist der unterschiedliche Stil in den Darstellungen im Süd- bzw. im Nordteil des Grabes, was eindeutig auf zwei verschiedene Künstler oder Werkstätten hinweist. Die bewegt und anmutig auf hellem taubengrauem Hintergrund erscheinenden Figuren im Südteil sind steif mit überlängten Körpern und hässlichen Gesichtern auf dunkleren grauen Hintergrund des Nordteils gesetzt. Die sanft geschwungenen Blüten des unter der Decke verlaufenden Frieses und auf den Opfergaben im Südteil des Grabes werden mit schematisch geraden Strichen im Nordteil wiedergegeben.

Das Grab des Hori (TT 259)

Im Grab des Hori wurden die Darstellungen nicht fertig gestellt. So blieben die Ost- und der östliche Teil der Nordwand des Grabes bis auf ein umlaufendes Schriftband undekoriert. Auch das obere Register auf der nach Westen verlaufenden Nordwand weist nur das Schriftband unter einem Hekafries auf. Die weißen Bänder mit bunten Hieroglyphen begrenzen alle Darstellungen nach oben. Die Nord-, die West- und der westliche Teil der Südwand bis zum Eingang zur „sloping passage“ ist in zwei Register gegliedert. Verehrungsszenen nehmen die Gesamthöhe der Wand zu beiden Seiten der Nische ein.
Im unteren Register der Nordwand bewegt sich der Begräbniszug vom Eingang nach Westen und erreicht auf der Westwand das Grab. Die in einem Katafalk in einem Boot aufgebahrte Mumie wird von einem Schleppschiff über den Nil gezogen und dort von Trauerweibern empfangen. Auf dem Westufer begleiten Stabträger den von einem Rindergespann gezogenen und gleichzeitig von Offizianten getragenen Katafalk, dem der von Anubis bewachte Kanopenschrein folgt. Zwei Standartenträger des Horusgeleits führen den Zug an einer Gruppe Trauerweiber und der Kälbchenszene, von der nur der voraneilende Schenkelträger erhalten ist, vorbei, bis der Zug auf der Westwand das Grab erreicht, das mit seiner Pyramide dem Westgebirge vorgelagert ist, aus dem die Westgöttin im Ninigestus grüßend hervortritt. Von kahlköpfigen Trauernden begleitet, vollziehen der Vorlese- und der Sempriester vor der vor einer großen Grabstele aufgerichteten Mumie das Mundöffnungsritual.
Dem über dem Register in der Bandzeile verlaufenden Text ist zu entnehmen, dass im Begräbniszug im oberen Register der Nordwand die Darstellungen des Negativen Bekenntnisses (Tb. 145) und die Wägung des Herzens beim Totengericht vorgesehen waren. Das obere Register der Westwand zeigt den Sohn des Hori in zwei antithetisch angeordneten, fast identischen Szenen seinem Vater räuchernd, libierend und eine Kerze entzündend. Mit dem Rücken zu der im Mittelfeld aufgerichteten Weststandarte sitzt Hori jeweils mit untergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl mit hoher Rückenlehne. In das weiße Mumiengewand gehüllt, wird er in Vorderansicht wie Osiris dargestellt. Anstatt Geißel und Wedel fasst er jedoch die Enden eines um den Hals geschlungenen Lederbandes, trägt als Regenerationssymbol das Seschedband sowie das den Göttern vorbehaltene blaue Haar und wird somit als Verklärter oder zu Osiris Gewordener ausgewiesen.
Den Westteil der Südwand bis zum Durchgang zur „sloping passage“ nehmen Opferhandlungen vor Hori und seiner Gemahlin ein. Danach folgt die Anbetung von Osiris durch Hori. Von Isis und Nephthis begleitet, sitzt der Gott mit dem Rücken zur Nische. Ebenfall mit dem Rücken zur Nische nimmt auf der gegenüberliegenden Seite der falkenköpfige Re-Harachte in Begleitung von Maat und Hathor die Verehrung von Hori und seiner Gemahlin entgegen.
Die Nische, in der Hori mit seinem Vater und seiner Gemahlin das Totenmahl einnimmt, ist in einen von einer reichen Tablatur gekrönten Durchgang zum Jenseits gesetzt. Wiederum in Vorderansicht und in das Mumiengewand gehüllt sitzen unterhalb der Nische zu beiden Seiten eines Opfertisches zwei Figuren des Hori diesmal auf Maatsymbolen einander gegenüber.
Die Decke wird durch Schriftbänder in Felder mit verschiedenen Mustern gegliedert.


1 Porter-Moss I, I1, Map VI, E-4, j, 3. Friederike Kampp, Die Thebanische Nekropole 2, Theben 13, Mainz 1996, Plan VII, B5.

2 Fragmente mit dem Kopf des Verstorbenen und einem Gebet an Osiris kamen in TT -263- zum Vorschein.

Abbildungen

Photos Eva Hofmann
  1. Blick über die Gräber auf das Ramesseum
  2. Gemeinsamer Vorhof
  3. Gräberplan

Das Grab des Nedjemger

  1. Südflügel
  2. Nordflügel
  3. Blick in die Nische
  4. Decke der Nische
Südteil des Grabes
  1. Ostwand
  2. Südwand
  3. Westwand
Unteres Register: Leben im Diesseits und Verbindung zwischen Lebenden und Verstorbenen.

Ostwand:
  1. Szene 1: Nedjemger im Garten des Ramesseums
  2. Szene 1: Detail
  3. Szene 2: Nedjemger betrachtet Blumengebinde
Südwand:
  1. Szene 3: Talfest
Westwand:
  1. Szene 4: Totenopfer
  2. Szene 4: Detail
  3. Szene 4: Detail
  4. Szene 5: Totenopfer
  5. Szene 5: Detail
Mittleres Register: Weg zum Grab

Ostwand:
  1. Szene 6.1. und 6.2.1: Opfer vor Nedjemger und Gemahlin und Sargschiff
  2. Szene 6.2.2: Schleppschiff
  3. Szene 6.2.2: Detail: Empfang am Westufer
Südwand:
  1. Szene 6.2.3: Sargschlittenzug und Empfang durch Trauerweiber
Westwand:
  1. Szene 6.2.4-5: Lauben- und Kälbchenszene
  2. Szene 6.2.6: Trauergeleit
  3. Szene 6.7. : Riten vor dem Grab
  4. Szene 6.7. : Mumien vor dem Grab
Oberes Register: Durchschreiten der Tore

Ostwand:
  1. Szene 7.1 : Ehepaar vor 1.Tor mit Dämon und Ehepaar vor 2. Tor
  2. Szene 7.2-3: Dämon des 2. Tor und Ehepaar vor 3. Tor
Südwand:
  1. Szene 7.4-5: Dämon des 4. Tor und Ehepaar vor 5. Tor
Westwand:
  1. Szene 7.6: : Ehepaar vor 6. Tor
  2. Szene 8: Verehrung von Osiris durch Nedjemger und seine Gemahlin
Nische Nordwand: Totengericht
  1. Szene 9 : Negatives Bekenntnis
  2. Szene 10.1: Wägung des Herzens
  3. Szene 10.2: Führen zu Osiris durch Harsiese
  4. Szene 10.3: Osiris
Südwand: Götterverehrung
  1. Szene 11.1. Götterverehrung a
  2. Szene 11.2. Götterverehrung b
  3. Szene 11.3. Götterverehrung c
Nordteil des Grabes
  1. Ostwand
  2. Westwand (Nord)
  3. Westwand (Süd)
Unteres Register

Ostwand
  1. Szene 12: Totenopfer
  2. Szene 13: Totenopfer
Westwand
  1. Szene 14: Totenopfer
  2. Szene 15: Totenopfer
Nordwand
  1. Szene 16: Baumgöttin
Stil
  1. Ehepaar im Südteil des Grabes (Szene 4)
  2. Ehepaar im Nordteil des Grabes (Szene 13)
Oberes Register

Ostwand
  1. Szene 17.1: Verehrung von Ptah-Sokar-Osiris (Nord)
  2. Szene 17.2: Verehrung von Ptah-Sokar-Osiris (Süd)
Westwand
  1. Szene 18.1: Verehrung von Osiris (Nord)
  2. Szene 18.2: Verehrung von Osiris (Süd)
Kopien von Davies und Caillaud
  1. Szene 2: Nedjemger im Garten des Ramesseums von Davies
  2. Szene 6.6.2: Schleppschiff von Caillaud
  3. Szene 16: Baumgöttin von Caillaud

Das Grab des Hori (TT 259)

  1. Westflügel
  2. Ostflügel
Nordwand
  1. Szene 1: Westfahrt
  2. Szene 1: Trauerweiber (Schott Photo)
  3. Szene 1: Sargschlittenzug
  4. Szene 1: Horusgeleit (Schott Photo)
  5. Szene 1: Rindertreiber (Schott Photo)
  6. Szene 1: Empfang des Sargschlittenzuges durch Trauerweiber
Westwand
  1. Unten Szene 1: Mundöffnungsritual vor Grab mit Westgöttin (stark zerstört)
    Oben Szene 2-3: Verklärung
  2. Szene 1: Mundöffnung
  3. Szene 1: Grab und Westgöttin (Schott Photo)
Südwand
  1. Szene 4-5: Totenopfer
  2. Szene 6: Anbetung von Osiris
  3. Szene 7: Anbetung von Harachte
  4. Tablatur mit Szene 8-9 und Nische
  5. Nischeninneres (Schott Photo)
  6. Szene 11: Totenopfer
  7. Szene 10: Hori und sein Vater Hui am Opfertisch
  8. Szene 12: Opfer vor Ehepaar
  9. Decke der Nische
  10. Decke des Grabes vor der Nische mit Szene 13
  11. Decke des Westflügels