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"Die Physiognomik ist ein neues Auge." Zum Porträt in der Sammlung Lavater

Althaus, Karin

English Title: "Physiognomy is a new eye." Portraiture and the collection of Lavater

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Abstract

Im Zentrum der vorliegenden Studie stehen Johann Caspar Lavaters (1741–1801) umfangreiche, illustrierte Schriften zur Physiognomik sowie das über Jahrzehnte zusammengetragene Kunstkabinett (heute Österreichische Nationalbibliothek). Der authentische Erhaltungszustand und der Umfang der «Sammlung Lavater» ermöglichen es, Bildnissen Aufmerksamkeit zu schenken, die bisher durch den Raster der kunstwissenschaftlichen oder historischen Wahrnehmung gefallen sind. Ziel war einerseits, Zugänge und Interpretationsmöglichkeiten zu Einzelbildern zu finden, die weder künstlerisch besonders wertvoll sind noch berühmte Persönlichkeiten zeigen. Andererseits wird die gesteigerte Bildnisproduktion in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Phänomen untersucht. Lavaters Physiognomik verdankt ihren Ruhm einer im Kontext der allgemeinen Bild- und Bildniskultur des 18. Jahrhunderts enstandenen Porträtmode, der sie eine neue Dimension durch den Reiz der Deutung des Dargestellten eröffnete. Sein Kabinett spiegelt den vielerorts bezeugten Umgang mit Porträts, die als Sammlung vorbildhafter Menschen, als Erinnerungsstücke wie auch Kommunikationsmittel angesehen wurden. Die damit verbundenen Bedürfnisse führten zu gewandelten formalen und technischen Arten innerhalb der Gattung Porträt. Als Sammler nahm Lavater – im Gegensatz zu zeitgenössischen Empfehlungen zum Porträtsammeln – keine Einordnungen in Menschenklassen vor. Vielmehr ist die Bildwürdigkeit JEDES Menschen das bemerkenswerteste Charakteristikum der von ihm zusammengetragenen Objekte. Im Licht dieser einzigartigen Hinterlassenschaft lassen sich stereotype Aussagen über die Porträtkunst widerlegen, die eine allgemeine Bildniswürde erst mit der Fotografie verwirklicht sehen wollen. Die gesammelten Porträts wurden von Lavater für die Physiognomik instrumentalisiert und damit Grundlage für einen physiognomischen Blick. Dieser Blick ist geprägt von einer Bevorzugung des Sehens, des Gesichtssinnes, und der Auffassung, dass buchstäblich die Anschauung die eigentliche Form der Erkenntnis sei. Damit soll die alte Kunst der Physiognomik zu einem «neuen Auge» werden. Dass Bilder für eine solch empirische Zugangsweise besser geeignet sind als das lebendige, agierende Gegenüber, hat nicht nur praktische Gründe. Um jede Willkür bei der Beurteilung auszuschalten, konzentriert sich Lavater hauptsächlich auf die ruhigen, festen Züge des Menschen statt auf seinen Ausdruck in Mimik und Gestik. Folgt man dem Material der Sammlung und Lavaters Ideen konsequent, werden Abbilder von Toten und Tote selbst zu idealen Bildnissen und die Physiognomik zu einer Wissenschaft stillstehenden oder vergangenen, aber auch zukünftigen, nämlich jenseitigen Lebens. Die Ursache dafür liegt in Lavaters theologischem Denken. Seine physiognomischen Interessen wie auch seine Porträtsammlung sind angetrieben von der Suche nach dem wahren Bild Christi und dem Glauben, dass jeder Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen sei. Dies führte Lavater zu einer besonderen Wertschätzung des Individuums. Allerdings brachte ihn dies letztendlich in Konflikt mit zeitgenössischen wissenschaftlichen Absichten, die auf eine Klassifikation des vorhandenen Materials drängten. Nicht zuletzt Lavaters uneingeschränktes Sammeln menschlicher Gesichter liess ihn bei der Begründung einer wissenschaftlichen Physiognomik scheitern. Der Zwiespalt zwischen empirischer Erforschung der Welt und ihrer notwendigen Klassifizierung und Systematisierung zur Begründung einer zukünftigen Wissenschaft wurde schon von den Zeitgenossen als das grundlegende Problem der Physiognomik erkannt. Berücksichtigt man nicht nur die Schriften Lavaters und seiner Zeitgenossen zu Fragen der Physiognomik, sondern nimmt die ungeordneten Bildnismassen seiner Sammlung ernst, lässt sich zeigen, dass er diese immense Anhäufung von Menschengesichtern aller Gruppierungen vornahm, um das EINE Gesicht Christi zu finden: Mittels Reihen von Physiognomien, ähnlich den gleichzeitigen morphologischen Versuchen Goethes, sollte die Erschliessung des angenommenen Urbildes aller Menschen möglich werden. Diese teleologische Intention unterscheidet Lavaters Kabinett fundamental von anderen Kunstsammlungen seiner Zeit. Ein ausführlicher Anhang bietet einen Katalog der besprochenen Werke sowie ein ausführliches Verzeichnis zur Identifikation der Porträtierten in der deutschen und französischen Ausgabe der «Physiognomischen Fragmente». Die vorliegende Arbeit wurde Ende 2002 abgeschlossen und 2003 von der Philosophisch Historischen Fakultät der Universität Basel als Dissertation angenommen. Für die Publikation ist sie geringfügig überarbeitet worden.

Document type: Dissertation
Date: 2010
Supervisor: Prof. Dr. Gottfried Boehm
Date of thesis defense: 30. June 2003
Date Deposited: 17. Jun 2010 16:59
Faculties / Institutes: University, Fakulty, Institute > Basel, University, Faculty of Humanities, Kunsthistorisches Seminar
DDC-classification: Arts
Controlled Subjects: Wien / Österreichische Nationalbibliothek / Lavater, Johann Caspar / Sammlung, Lavater, Johann Caspar, Physiognomik, Porträt
Uncontrolled Keywords: Physiognomy
Subject (classification): Painting
Artists, Architects
Countries/Regions: Germany, Switzerland, Austria
Additional Information: Dissertation im Fach Kunstwissenschaft vorgelegt der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel
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DFG E-Prints 3 Open Access arthistoricum.net