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Abstract
Ausgangspunkt dieses Aufsatzes ist die Körpersprache des Mannes und seines Pferdes links im Reiterkreis in der Mitte der zentralen Tafel des Gartens der Lüste von Jheronimus Bosch. Der Reiter hält die Arme in der typischen Haltung am Pferdehals, als ob er Zügel hielte – die aber nicht da sind. Obwohl keine Zügel zu sehen sind, die der Mann hätte anziehen können, stellt sich sein Pferd entgegen der Reitrichtung auf die Hinterbeine und es ist bereits eine kleine Lücke zu den Reitern davor entstanden. Offenbar hat der Mann die – unsichtbaren – Zügel angezogen. Der – darüber besteht Übereinkunft – negative Ritt um den Teich kommt zu stehen bzw. würde aufreißen und stehenbleiben, stünde nicht links darunter ein phantastisches Höllentier mit artistisch verbauten Männern bereit, ihn aufzufüllen. In meiner bisherigen Argumentation diente die soeben skizzierte Szene lediglich als Aktion zur Begründung dafür, dass in diesem Moment der Reiterkreis stoppt – und damit das ganze Bildgeschehen. Im vorliegenden Aufsatz wird der ikonografische und moralische Hintergrund der Aktion erläutert. Es wird dargestellt, dass wilde, ungezügelte Pferde ein negatives Symbol sind und dass das ‚Anlegen der Zügel‘ eine Metapher für die Verbesserung des Zustandes ist, dass beides in religiös-moralischen und literarischen Texten des späten Mittelalters vielmals benutzt wurde. Es wird danach erörtert, ob der religiös-moralische Hintergrund der schnellen Aktion die These erhärtet, der Garten der Lüste sei zwar über die gesamte Schöpfungszeit gespannt, gleichwohl nur eine knappe Sekunde lang, einen ‚Herzschlag‘, wie zum Beispiel mit Augustinus die göttliche Erfahrung dauert. Die Argumentation des Aufsatzes ‚Einen Herzschlag lang hinüber. Die Disposition der Zeit im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch (Art-Dok 2018) wird erweitert und in einem wesentlichen Punkt ergänzt. Der Stopp des Reiterkreises ist im Rahmen der Seelenpsychologie des Bildes ein Zeichen, dass die sündige Seele im Moment des Erwachens erweckt ist. Im unmittelbaren Wieder-Schließen des Kreises steckt, wie bisher übersehen wurde, ebenfalls eine moraltheologische Mitteilung. Denn damit findet Bosch eine Bildform für das aus dem Hohelied entwickelte Modell des schnellen Wechselspiels (vicissitudo) zwischen göttlicher Präsenz und ihrem planvollen Entzug. Boschs Version, die im Ersatz für den stoppenden Reiter den Grad der Phantastik gegenüber dem exotisch-surrealen Reiterkreis noch einmal steigert, enthält eine zusätzliche Diagnose der im Bild dargestellten Psyche.
| Document type: | Article |
|---|---|
| Date: | 2026 |
| Version: | Primary publication |
| Date Deposited: | 11 May 2026 19:35 |
| Faculties / Institutes: | Research Project, Working Group > Individuals |
| DDC-classification: | Painting |
| Controlled Keywords: | Garten der Lüste / Bosch, Hieronymus, Zeit <Motiv>, Moraltheologie, Geschichte 1450-1516 |
| Subject (classification): | Artists, Architects Iconography |
| Countries/Regions: | Benelux Germany, Switzerland, Austria France Italy |


